
Belegbare Fakten – was könnte schöner sein?! Aber wer kann schon wissen, ob die Menschen in 500 Jahren nicht genau so über uns lachen werden. Wenn wir bedenken, wie rasend schnell sich unser Wissen mittlerweile verbreitet und welche technischen Durchbrüche schon möglich geworden sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste große Schritt getan wird. Ungewiss ist nur, wie der dann aussieht und wohin er führen wird. Das Verständnis unserer Welt ändert sich ständig aufs neue und damit auch unsere Sichtweise auf längst geklärte Verständnisse.
Zumindest zwei neue theoretische Intelligenzformen haben wir dabei schon gefunden. Und beide sind irdischen Ursprungs. Schon Anfang der 90er Jahre hatten zwei Professoren der Universität New Hampshire die Idee für ein Konzept namens „Emotionale Intelligenz“. Wenn Menschen richtige Entscheidungen auf Basis von Emotionen treffen, anstatt alles rational abzuwägen, ist von „Emotionaler Intelligenz“ zu sprechen, so die Professoren John Mayer und Peter Salovey aus Neuengland. Auf Basis der damaligen Erkenntnisse ließ sich noch eine ganz andere Fähigkeit erkennen, wie John Mayer in seinem neuen Ansatz 2015 ausführte – die „Persönlichkeitsintelligenz“. Sie bezeichnet die Fähigkeit, besonders gut die Gefühle anderer lesen zu können.
Das genaue Gegenteil von Gefühlsblindheit (Alexithymie) wenn man so will. Menschen mit gut ausgebildeter „Persönlichkeitsintelligenz“ haben meist ein hervorragend ausbalanciertes Maß an Intuition, können die Gefühle ihrer Mitmenschen gut nachvollziehen und daher in der Außendarstellung anderer lesen wie in Büchern. Das macht sie sehr kompetent im sozialen Umgang mit anderen. Als eine Form von Intelligenz darf grundsätzlich nur etwas bezeichnet werden, wenn es sich um eine universelle Fähigkeiten handelt, die jeder Mensch mehr oder minder gut ausgebildet in sich trägt und (das ist die bittere Erkenntnis) an der sich in einem Menschenleben auch nicht allzu viel verändern lässt. Also beispielsweise logisches Verständnis oder Wortgewandtheit. So verhält es sich auch hier: Jeder Mensch ist grundsätzlich zur Persönlichkeitsintelligenz fähig, aber manchen ist sie wie eine Art Gabe angeboren. Auch intensives Training ist relativ nutzlos – entweder man hat sie oder eben nicht.

Eine gute Menschenkenntnis ist heute längst zur Schlüsselfähigkeit geworden. Jeder verfügt mehr oder weniger ausgeprägt über diese Intelligenzform, bestätigt auch Mayer. Der Psychologie-Professor stellt die Persönlichkeitsintelligenz jedoch keinesfalls der Emotionalen Intelligenz gegenüber. Es sei eher eine Symbiose aus beidem. Emotionale Bauchentscheidungen (wir sagen auch Intuition) sind jedoch nur eine einzelne Facette der Persönlichkeitsintelligenz-Skala, wie Mayer erklärt. Bei der Persönlichkeitsintelligenz wirken zudem ein profunder Wissenstand über die menschliche Psyche und Außendarstellung sowie ein aufmerksamer Geist. Dies lässt sich auf die Eigen- und die Fremdwahrnehmung beziehen. Wer die eigene Persönlichkeit gut interpretieren kann, wird Ziele besser definieren und strukturierter angehen können. Laut Professor Mayer muss hier eine simple Frage zu Grunde gelegt werden: „Wer bin ich und wer werde ich sein?“ Menschen mit hoher Persönlichkeitsintelligenz formulieren hier meist die konkretesten Antworten. Mit weit reichenden Folgen: Der Harvard-Dozent George Vaillant fand heraus, dass solche Menschen länger und zudem glücklicher leben. Sie berichten von mehr Ausgeglichenheit und können meist sehr präzise reflektieren, was andere von ihnen halten.
Auch im Umgang mit anderen Menschen, setzen Leute mit hoher Persönlichkeitsintelligenz ihre Fähigkeit gezielt ein, um mögliche Rückschlüsse ziehen zu können. Gute Headhunter finden unter hunderten Bewerbern die perfekte Positionsbesetzung heraus. Sie können anhand des Lebenslaufes auf physische, psychische oder soziale Kompetenzen der Bewerber schließen. Das Bild, welches sich gute Headhunter noch vor dem ersten persönlichen Treffen von ihren Bewerbern machen, entspricht meist der Realität. Was man früher unter „zwischen den Zeilen lesen“ kannte, lässt sich somit getrost als Persönlichkeitsintelligenz bezeichnen. Für eine solche Kompetenz bedarf es jedoch nicht nur einem guten Einschätzungsvermögen, sondern auch einer gehörigen Portion Lebenserfahrung und Kombinationslogik.
Dank der süddeutschen Zeitung finden Sie übrigens hier den gesamten Test zur Persönlichkeitsintelligenz nach John Mayer:
https://quiz.sueddeutsche.de/quiz/50ceff3b49fdf0baba67c8fd0ad08566-eq-test—pers-nlichkeitstest
Quelle:
Wilhelm, K. „Einsicht ins Ich“ Psychologie Heute 42. Jahrgang Heft 12, Dezember 2015. S. 28-32
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