
Die eine will eine innige Beziehung, die andere nur eine gute Freundschaft. Beide Seiten des Partners wechseln sich ab, sodass auf romantische Wochen voller Schmetterlinge im Bauch, plötzliche Eiszeiten folgen können, die dann wieder von einem Sturm der Liebe abgelöst werden. Zuerst gesteht der Partner brennende Liebe, um sich dann ein paar Tage gar nicht mehr zu melden… verrückt. Wir reden hier aber keinesfalls von Schizophrenie oder dissoziativen Identitätsstörungen. Sogenannte „Non-Realtionships“ sind ein neuer Trend, bei dem man zusammen ist, aber dann irgendwie doch nicht. Die Cosmopolitan-Autorin Melanie Fassner nennt es „Wischiwaschi-Liebe“, obwohl die Hochphasen tatsächlich himmelhoch jauchzende „Quality time“ sein können.
Immer wieder wird der Beziehungspartner durch dieses Verhalten in ein Gefühlschaos versetzt. Auf Dauer können sich die wiederkehrenden Eiszeiten auf das Selbstbewusstsein eines Menschen auswirken. Ständig muss sich der andere fragen, ob er/sie etwas falsch gemacht hat. Warum tun Menschen anderen sowas an? Am stärksten betroffen von diesem Phänomen sind Personen zwischen Ende 20 und Anfang 40. Der Berliner Autor Michael Nast nennt sie die „Generation Beziehungsunfähig“. Aber warum werden manche zunehmend unfähig, eine echte Liebesbeziehung einzugehen?
Michael Nast erkennt hier eine Folge der Ich-Mentalität. Im Zuge zunehmender Individualisierung haben wir gelernt, unsere Umwelt nur noch an unseren Bedürfnissen auszurichten. Es geht stets um die Optimierung unseres Lebens und dessen Anforderungen. Dadurch haben manche verlernt, sich auf andere Menschen einzulassen. Sie wollen schlichtweg keine Kompromisse eingehen. Um Zielkonflikte zu vermeiden, erklären sie sich freiwillig für beziehungsunfähig. Deshalb exkludieren sie sich aber noch lange nicht vom Partnermarkt, sondern verschweigen ihre Unfähigkeit für Kompromisse. Es ist nicht gerade fair, zu warten, bis der Partner selbst herausfindet, dass die innigen Liebesgeständnisse nur eine Seite der Medaille darstellen. Non-Relationships als Ersatz für echte Beziehungen… das klingt schon falsch. Ist es laut dem Soziologie-Professor Udo Thiedeken auch, denn der Trend geht deutlich in die andere Richtung. Heutige Generationen suchen mehr denn je die große Liebe. Das Überangebot im Internet wird zwar genutzt, um den eigenen Suchradius zu vergrößern, aber bestehende Beziehungen haben heute einen höheren Stellenwert, als noch zur Jahrtausendwende. Thiedeken erklärt zu Non-Relationships, dass wir selbst das Problem sind. Dadurch, dass unserer Liebe heute nichts mehr im Weg stünde, müssen wir eigentlich nur noch zugreifen und den für uns perfekten Partner aus dem riesigen Überangebot aussuchen. Diese Entscheidung und ihre Konsequenzen tragen wir dann aber auch selbst. Und da kommt das große Zögern. Wir werden unsicher, hinterfragen uns selbst. Die Schweizer Beststeller Autorin Yvonne Eisenring hat recht, wenn sie in ihrem Buch schreibt, dass wir heute lieber in Dinge investieren würden, die wir kontrollieren können.

Obwohl sich dieser Trend langsam entwickelt, wird er vermutlich also nur ein Randphänomen bleiben und im besten Fall in ein paar Jahren wieder verschwinden. Da sich mit der Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft auch unsere Art der Liebe und Beziehungsführung stetig mit verändert, werden wir immer wieder solchen Phänomenen begegnen. Wer diese und andere fiese Maschen (er)kennt, kann sie jedoch auch als das entlarven, was sie sind… ziemlich fies, echt egoistisch und irgendwie auch echt feige.
Mit Liebe recherchiert…
Quellen:
Fassner, M. „Unverbindliche Beziehung – Wenn Männer keine Eier haben…“ Cosmopolitan vom 16.01.2017. URL: https://www.cosmopolitan.de/unverbindliche-beziehung-wenn-maenner-in-der-liebe-keine-eier-haben-79014.html
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