Eine kleine Studie von Rosie Wilby
Rosie Wilby ist eine britische Singer-Songwriterin, Comedienne und Autorin aus Süd-London. Bekannt wurde sie durch ihre humorvollen, aber gleichzeitig tiefgründigen Shows, in denen sie gesellschaftliche Tabus rund um Liebe, Beziehungen und Sexualität aufgreift. Besonders das Thema Treue und Polyamorie zieht sich durch viele ihrer Arbeiten – mal satirisch, mal ernst, aber immer mit wissenschaftlichem Anspruch.
In einem ihrer Bühnenprogramme und in ihrem TEDx-Vortrag Is Monogamy Dead? untersucht Wilby, wie sich unser Verständnis von Partnerschaft verändert und welche alternativen Modelle heute diskutiert werden.
Von der romantischen Liebe zur pluralen Beziehungskultur
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt die monogame Ehe als unumstößliches Ideal. „Bis dass der Tod euch scheidet“ war nicht nur ein religiöses Versprechen, sondern auch ein gesellschaftliches Gesetz.
Heute zeigt sich ein anderes Bild:
- Viele Menschen heiraten später oder verzichten ganz auf die Ehe.
- Rund ein Drittel aller Ehen in Deutschland endet mit einer Scheidung.
- Offene Beziehungen, Polyamorie oder auch Beziehungsanarchie sind keine Randerscheinungen mehr, sondern Teil einer breiten gesellschaftlichen Diskussion.
Wilby beobachtet, dass wir zunehmend individuelle Konzepte entwickeln, die besser zu unserem Lebensstil passen. Partnerschaften sind nicht mehr zwangsläufig für ein ganzes Leben angelegt, sondern eher für bestimmte Lebensphasen.
Polyamorie – Definition und Abgrenzung
Polyamorie wird häufig missverstanden. Viele setzen sie mit Fremdgehen gleich, dabei gibt es entscheidende Unterschiede:
- Fremdgehen bedeutet Regelbruch und Heimlichkeit innerhalb einer bestehenden Beziehung.
- Polyamorie beschreibt die Möglichkeit, mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig zu führen – offen, ehrlich und mit Einverständnis aller Beteiligten.
Der Begriff setzt sich aus dem griechischen „poly“ (viel) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) zusammen. Im Gegensatz zu offenen Beziehungen, die oft stärker auf Sexualität ausgerichtet sind, steht bei Polyamorie die Möglichkeit mehrerer emotionaler Bindungen im Vordergrund.
Treue im Wandel – Ergebnisse aus Studien
Im Rahmen ihrer Forschung analysierte Rosie Wilby zwei groß angelegte Studien aus den Jahren 1975 und 2000 mit jeweils mehr als 6.000 Teilnehmern. Die zentrale Fragestellung: Wie viele Menschen gehen fremd?
Die Ergebnisse sind eindeutig:
- Heterosexuelle Männer: Rückgang von 28 % auf 10 %
- Heterosexuelle Frauen: Rückgang von 32 % auf 14 %
- Gleichgeschlechtliche Frauen: Rückgang von 28 % auf 8 %
- Gleichgeschlechtliche Männer: Rückgang von 83 % auf 59 %
Die Daten zeigen eine deutliche Zunahme an Treue in allen Gruppen.
Ursachen für die Entwicklung
Wilby benennt verschiedene Gründe:
- Die Aidskrise der 1980er-Jahre, die zu einem bewussteren Umgang mit Sexualität führte.
- Eine bessere Aufklärung durch Schulen, Medien und das Internet.
- Größere finanzielle und gesellschaftliche Unabhängigkeit von Frauen.
- Eine zunehmende Vielfalt an Beziehungsmodellen, die mehr individuelle Freiheit ermöglichen.
Video: Rosie Wilby bei TEDx
Wer ihre Gedanken selbst erleben möchte, kann sich Rosie Wilbys TEDx-Vortrag Is Monogamy Dead? ansehen. Darin spricht sie über die kulturellen Veränderungen rund um Monogamie, die Rolle von Untreue und die Chancen alternativer Beziehungsmodelle.
Wo beginnt Untreue?
Eine der zentralen Fragen lautet: Ab wann empfinden wir eine Handlung als Untreue?
In einer eigenen Befragung aus dem Jahr 2014 untersuchte Wilby, welche Verhaltensweisen von den meisten Menschen als Vertrauensbruch wahrgenommen werden. Die Ergebnisse im Überblick:
- Sex mit einer anderen Person (94 %)
- Jemand anderen küssen (76 %)
- Sich verlieben, auch ohne Intimität (73 %)
- E-Mail-Flirts (62 %)
- Über jemand anderen fantasieren (31 %)
- Selbstbefriedigung (14 %)
- Allgemeine Fantasien (7 %)
- Pornografie-Konsum (4 %)
Die Studie zeigt, dass es keine einheitliche Definition von Untreue gibt. Während für manche der sexuelle Kontakt entscheidend ist, sehen andere bereits emotionale Bindungen oder digitale Flirts als Vertrauensbruch.
Emotionale Monogamie und Freundschaft Plus
Wilby beschreibt neue Formen von Beziehungen, die sich zunehmend etablieren. Dazu gehören die sogenannte emotionale Monogamie – bei der Gefühle exklusiv einer Person vorbehalten sind, während sexuelle Kontakte außerhalb möglich sein können – und „Freundschaft Plus“, also Freundschaften, die durch eine sexuelle Ebene erweitert werden.
Diese Modelle machen deutlich, dass Bindungen heute oft individueller und flexibler gestaltet werden als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Psychologische Hintergründe
Warum halten dennoch viele Menschen an der klassischen Monogamie fest?
- Treue schafft Sicherheit und Vertrauen.
- Monogamie ist nach wie vor das gesellschaftlich dominierende Modell.
- Evolutionsbiologisch lässt sich Eifersucht als Schutzmechanismus erklären, um Bindungen zu sichern.
Polyamorie verlangt hingegen ein hohes Maß an Kommunikation, Selbstreflexion und emotionaler Stabilität. Konflikte entstehen weniger aus der Zahl der Partner, sondern vielmehr aus unklaren Absprachen oder unausgesprochenen Erwartungen.
Die Zukunft von Liebe und Treue
Ob Polyamorie oder Monogamie die „bessere“ Beziehungsform ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Entscheidend ist, dass Partnerschaften auf Ehrlichkeit und Offenheit beruhen. Jede Generation entwickelt eigene Modelle, die besser zu den jeweiligen Lebensbedingungen passen.
Fest steht: Treue bleibt ein wichtiger Wert, auch wenn sie von immer mehr Menschen individuell interpretiert wird. Die Debatte um Polyamorie, Treue und alternative Beziehungsformen wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.
Quellen
- Rosie Wilby: Is Monogamy Dead? – TEDxHackney Woman, Edinburgh 2013
- Esther Perel: Rethinking Infidelity – ein psychologischer Ansatz zum Thema Untreue
Was ist der Unterschied zwischen Fremdgehen und Polyamorie?
Fremdgehen bedeutet, Regeln einer Beziehung heimlich zu brechen. Polyamorie basiert auf Offenheit und Zustimmung aller Beteiligten.
Wie hat sich das Fremdgehverhalten verändert?
Studien zeigen, dass Untreue seit den 1970er-Jahren in allen untersuchten Gruppen deutlich zurückgegangen ist.
Ab wann beginnt Untreue?
Das Empfinden ist individuell. Für die meisten beginnt Untreue beim sexuellen Kontakt, andere sehen bereits emotionale Bindungen oder digitale Flirts als kritisch.
Warum entscheiden sich Menschen für Polyamorie?
Polyamorie erlaubt es, mehrere emotionale Bindungen gleichzeitig zu leben. Viele sehen darin eine ehrlichere Alternative zum klassischen Monogamie-Modell.
Welche Herausforderungen bringt Polyamorie mit sich?
Ein hohes Maß an Kommunikation und klare Absprachen sind erforderlich. Konflikte entstehen meist dann, wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben.
Wird Polyamorie in Zukunft gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen?
Alternative Beziehungsformen werden sichtbarer und häufiger diskutiert. Ob sie die klassische Monogamie verdrängen, ist offen, doch sie erweitern das Spektrum möglicher Lebensentwürfe.
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